Wir wissen nicht, wie andere in ihren Podcasts und Portalen mit der Wahrheit umgehen, denn wir nutzen das nicht. Aber in unserem Newsletter möchten wir die Leser jede Woche ein wenig in den tierwork Alltag blicken lassen und merken schon beim Schreiben, dass wir „aussortieren“. Es gibt Tage, die sind so sehr mit Grausamkeit, eisiger Brutalität und erschütternden Qualen gefüllt, dass sich bei uns Ekel, Wut, Ohnmacht und Erschöpfung ausbreiten. Wollen wir das wahrhaftig mitteilen? Nein. Manchmal reduzieren wir unser Down auf die Enttäuschung über das Verhalten von Bewerbern, das oft schlimm genug ist, jedoch nichts im Vergleich zum erlebten Tierleid. Manchmal sehen wir die Wahrheit im Auge des Vierbeiners und denken: Wie froh müssen „Frauchen/Herrchen“ sein, dass ihr Hund nicht sprechen kann. Dann tröstet ein kleiner Filter als Schutz-Pflaster.
Also gibt’s bei uns weder „die nackte Wahrheit“ noch „die verkleidete Lüge“.
Anders ist es im direkten Gespräch. Da überwiegen alle Emotionen und sprudeln mehr als sie sollten. Diese Woche zum Beispiel.
Schreckliche Sorge: Ein unter großen Opfern mühsam geretteter, alter Hund ist seinen Menschen entlaufen, ohne sich schon im Umfeld auszukennen. Horror, Puls, Herzklopfen, rasend arbeitender Verstand. Gebete: Bitte lass es gut ausgehen. Alle erforderlichen Maßnahmen sind getroffen, sogar Drohnen und Nachtkameras im Einsatz. Heute ist Tag 9…
Tiefer Herzschmerz: Unsere innigste Freundin und Begleiterin seit 15 Jahren, unsere geliebte Malinois-Hündin GINGER lebt nicht mehr. 2024 kam der Krebs, den sie tapfer bekämpft hat und wir mit ihr. Durch einige Maßnahmen konnten wir ihr Leben qualitativ verlängern und wussten, jeder Tag ist ein Geschenk. Bereits vor Monaten war die Tierärztin bei unserer Rudel-Chefin, um sie zu erlösen, aber GINGER ging ihr so lebendig und gut gelaunt entgegen, dass wir sie wieder wegschickten. Doch jetzt gab es kein Entrinnen mehr. Seitdem ist die Sonne ins Dunkle gesunken, die Stille dröhnt, Leere, die alles füllt und jeder Schritt eine Erinnerung. Der Schmerz sitzt tief, nur unsere trauernden Tiere und die Pflichten halten uns aufrecht.
Überschätzter Schlaf: Kummer und Herzeleid verdrängen die Nachtruhe und ermöglichen gerade mal ein zappeliges, ständig unterbrochenes Minimum. Unsere Liebe zu den Tieren, ihre Betreuung und unser Verantwortungsgefühl für sie sind die nackte Wahrheit (ganz unten die Legende dazu). Um sie kreisen unsere Gedanken, denn weitere Vierbeiner sind krank, benötigen Hilfe, müssen ihr richtiges Zuhause finden oder überhaupt erst gerettet werden. Und weil Tiere nicht für sich selbst sprechen können, tun wir das. Wer braucht da Schlaf?
Keimende Hoffnung: Gerade hilft uns Ablenkung. Auch unseren Tieren, mit denen wir jetzt noch mehr unternehmen. Gespräche über Gefühle, Trauer, Schmerz und neue Pläne sorgen dafür, dass nichts zugunsten einer kurzen, trügerischen Beruhigung verdrängt wird. Wir wollen Ehrlichkeit zur heilsamen Wirkung und zum Stressabbau nutzen. Darum bloß nicht in die eigene Tasche lügen. Lieber möchten wir so schnell wie möglich tränenfrei unsere wunderbaren Erlebnisse mit GINGER erzählen können. Ja, die tägliche Tierschutz-Arbeit hat uns verändert, aber nie die Hoffnung ausgelöscht.
Philosophen meinen: Ein weiser Umgang mit der Wahrheit bedeutet nicht, jedem alles ungefiltert „um die Ohren zu hauen“, sondern empfehlen eine Reihe verschiedendster Ansätze. Hoffentlich erwischen wir immer einige davon. Dann bis zur nächsten Woche mit – bitte – besseren Nachrichten.

Die Legende von der nackten Wahrheit
Eines Tages trafen sich die Wahrheit und die Lüge. Die Lüge sagte zur Wahrheit: „Heute ist ein wunderschöner Tag!“ Die Wahrheit blickte zum Himmel und sah, dass es stimmte. Sie verbrachten den Tag gemeinsam, bis sie an einen Brunnen kamen. Die Lüge testete das Wasser und rief: „Das Wasser ist herrlich, lass uns baden!“
Die Wahrheit traute der Lüge erst nicht, doch als sie das Wasser berührte, war es tatsächlich angenehm. Beide zogen ihre Kleider aus und stiegen in den Brunnen. Plötzlich sprang die Lüge aus dem Wasser, zog die Kleider der Wahrheit an und rannte davon. Die Wahrheit, entsetzt über den Betrug, weigerte sich, die Kleider der Lüge anzuziehen. Sie stieg nackt aus dem Brunnen und wanderte fortan so durch die Welt. Seit diesem Tag sehen die Menschen die Lüge, die in den Gewändern der Wahrheit gekleidet ist, während sie vor der nackten Wahrheit oft den Blick abwenden.



