Beim letzten Einsatz sehen wir aus dem Auto neben der stark befahrenen Straße einen Hund, der sich langsam vorwärts schleppt, kurz darauf zusammenbricht und liegenbleibt. Lautes Gehupe, böse Schimpfworte, als wir anhalten. Zu zweit steigen wir aus, unser Fahrer haut ab. Wir schauen den Hund an, ich streichel vorsichtig den Hals, höre verzweifeltes Wimmern. Keine Verletzung erkennbar. Es ist eine hübsche Hündin mit viel dreckigem Fell; wir trauen uns nicht, sie genau abzutasten. Enikö ruft ihren Tierarzt an, einen der wenigen in dieser ungarischen Gegend, dem „Tierschutz“ nicht egal ist. Er schickt uns seinen jungen Assistenten István, und zu Dritt hieven wir das Hundemädchen auf eine Decke im Auto, legen eine zweite weich über sie… sie lässt sich alles gefallen. Ihr schwacher Versuch, aufzustehen, scheitert. Was mag ihr passiert sein? István geht mit zur Untersuchung, will uns danach informieren. Wir warten draußen.
István kommt zurück, murmelt bedrückt: „Unter dem Fell nur Haut und Knochen, total unterernährt. Zahlreiche, teilweise verheilte Wunden und Narben, ein Bruch im Vorderbein.“ Voller Tränen schütteln wir das Schaudern ab, verdrängen Bilder, zwingen uns zur Konzentration auf diesen Augenblick. Denn jetzt wird ihr geholfen, jetzt bekommt sie eine Chance. Wir wollen sie ARCA nennen, angelehnt an „die Kämpferin“. Und kämpfen muss sie! Fakt ist, ich kann noch so viele Misshandlungen, Ausgestoßene, Verletzte sehen – man gewöhnt sich nicht daran. Jedes leidende Geschöpf macht mich fertig. Enikö bleibt ruhiger als ich, wischt sich die Augen, und übersetzt. Für heute können wir nichts mehr tun. Arca ist am Tropf, leicht sediert, tankt Kraft. Sie wird auf etwa 4 Jahre geschätzt.
Als wir am nächsten Tag zu ihr dürfen, meint István: “Mir ist zwar speiübel, aber ich bin so froh über Arcas Zustand, dass ich Regenbogen kotzen könnte.“ Zum ersten Mal lache ich wieder. Arca zu sehen löst Herzklopfen aus. Wir sollen still sein, die Hündin nicht aufregen. Sie sitzt mit verbundenem Bein in einem Korb, umrahmt von einem Gatter, durchaus komfortabel. Vielleicht hebt sie darum den Kopf und wedelt leicht. Arca, du Tapfere! Der Arzt erlaubt mir, sie ganz sanft zu bürsten, und es scheint ihr zu gefallen. Draußen erfahren wir, dass sie noch gut eine Woche bleiben soll, Spezialkost kriegt, damit ihr ausgemergelter Körper sich wieder an feste Nahrung gewöhnt, die ihr zugefügten Verletzungen besser heilen und auch ihr Bein belastbarer wird. Meine Zähne knirschen bei der Vorstellung ihrer grausamen Vergangenheit.
Voller Hundehaare sehe ich aus wie ein geplatztes Kissen, bin aber bereits am Herumtelefonieren, am Organisieren, um für Arcas Zukunft zu sorgen, die Klinik-Rechnungen abzusichern usw., doch vor allem bin ich ein einziges großes Glücksgefühl. Wir haben Arca nicht nur im richtigen Moment gesehen und konnten ihr helfen, sondern jetzt hat diese feine Hündin eine Zukunft. Wer dann nicht versteht, dass ich an „meinen“ geretteten Tieren hänge, dem ist nicht zu helfen.



